— Das Wesen der Liebe —

Asa blickte auf die Welt,
sah ihre Schönheit und Perfektion –
eine Perfektion in jenem Sinne,
dass alles sich im Fluss befindet,
dass das Lebendige sich bewegt, wächst, lebt und vergeht,
um schließlich wieder neu zu entstehen.

Asa stand dort oben und wusste, dass es für viele Wesen in der Welt schwer war und weiterhin schwer bleiben würde, die Schönheit inmitten der Welt zu erkennen, diese anzunehmen und das Gute darin zu sehen. Denn es war gleichfalls schwer für Asa, diesen Blick in eben dieser Weise auf die Welt zu legen und in ihrem Inneren Frieden damit zu schließen.

"Deswegen", so sprach eine innere Stimme zu Asa, "gibt es die Liebe."

Asa dachte nach. "Aber nichts in der Welt wird einfacher dadurch."

Und das ist wahr. Denn auch die Liebe wird bewegt durch die fließenden Kräfte, die sich zwischen Hitze und Kälte, zwischen Licht und Schatten, zwischen Tag und Nacht hervortun. Doch was Asa nicht wusste: Die Schönheit der Welt wird durch die Liebe erklärt und erkannt werden – bis hin zu jener Erkenntnis, die eben dadurch ein neuer Anfang sein wird.

"Was ist Liebe?", fragte Asa.

"Liebe. Liebe ist Weisheit durch Güte zum Leben.", sagte die innere Stimme und fuhr fort: "Liebe ist Hoffnung. Liebe ist Vergebung. Liebe ist Verantwortung. Liebe ist Verständnis. Auch ist Liebe die Angst vor Verlust. Liebe ist Furcht vor dem Ende. Liebe ist ein lauter Ruf in stiller Einsamkeit. Liebe ist eine anerkennende Verneigung vor dem Leben. Liebe ist Achtung vor dem Widerspruch. Liebe ist Wohlwollen. Liebe ist Bewegung im Stillstand. Liebe ist Respekt vor der Veränderung. Liebe ist Transformation. Liebe ist – so wie die Welt – in weiten Teilen frei und unerklärlich. Diese Worte in diesem Moment sind: Liebe!
Siehe: Der Liebe folgen nicht nur die Weisen dieser Welt. Vom Glanz der Liebe angezogen fühlen sich oftmals auch splitterige Trugschlüsse, Fasern der Verblendung und Partikel des Zwangs. Denn die Liebe ist in vielerlei Hinsicht auch bei dem, was aus dem Brunnen des Begehrens in die Welt gegossen wird. Jedoch: Ist Liebe einzig und allein von sich aus fähig, überall zu wachsen und überall zu sein – ganz ohne Bemühung, sondern lediglich und insbesondere durch die gutmütige Anerkennung dessen, was ist.

Wisse: Liebe ist eine Erfahrung, die wie das Leben selbst kräftig pulsiert und darüber hinaus einen zauberhaften Schein von Richtigkeit auf vieles legt. In der Liebe wohnt die Erkenntnis, dass letztendlich alles einen Sinn ergibt. Dass das, was nicht verstanden werden kann, tiefere Gründe hat.", erklärte die zunehmend klarer werdende Stimme.

"Welcher ist der beste aller Wege, um mit Sicherheit zur Liebe zu gelangen?", fragte Asa.

"Die Liebe kommt zu allen. Zu allem. So wie die Sonne ihr Licht allen Lebewesen gibt, die es brauchen.", antwortete die Stimme, die jetzt im selben Klang ertönte, der dem Ursprung seit jeher am nächsten ist.

"Was, wenn Wahrheit und Realität stets rein willkürliche Auffassungen eines rein biologischen Organs sind, nämlich des Gehirns, bei dem es quasi beliebig und zufällig ist, welche Entscheidungen stattfinden? Was, wenn jeder Glaube an etwas Höheres reine Illusion und Selbstbetrug ist? Was, wenn alles ein absolutes, zerstörerisches Ende in sich trägt? Was, wenn nichts einen wirklichen Sinn ergibt? Was, wenn es immer und immer wieder Leid und Leiden geben wird in dieser Welt? Und was, wenn es in der gesamten Menge einer hypothetischen Endlich- oder Unendlichkeit egal ist, ob man sich selbst darum bemüht, möglichst kein Leid anrichten zu wollen? Was, wenn es in Wahrheit 'an sich' nichts Gutes und nichts Schlechtes gibt? Was, wenn es vor dem Leben nur ein dunkles kaltes Nichts gibt und wenn wiederum ein dunkles, leeres Nichts jedes Leben an seinem Ende auflöst?
Was, wenn diese Welt ein chaotischer Zufall ist? Was, wenn stets hauptsächlich das Recht des Stärkeren gilt und der Tod das Leben immer besiegen wird? Und was, wenn die Sonne irgendwann auf ewig erlischt und Nichts mit Gültigkeit für die Zukunft beständig sein wird? Was, wenn alles absolut vergänglich ist – und was, wenn es tatsächlich egal oder sogar alternativlos beliebig ist, dass alles so ist, wie es ist, weil man alles ja doch nur rein subjektiv empfindet?", rief Asa in einem gleichfalls herausfordernden wie ängstlichen Tonfall.

Asa zitterte.

Daraufhin und währenddessen: Eine Art Stille. Ruhe. Doch: Gleichfalls unerklärliche Klänge. Klänge, die man nicht hört sondern stattdessen fühlt. Unerklärlich strahlendes Licht. Licht, das man nicht sieht, sondern stattdessen spürt. Die Anwesenheit weiterer Dimensionen. Und: Endlos zeitlos vergeht Zeit.

"Du stellst Fragen, die gestellt werden müssen. Die Antworten auf alle deine Fragen findest immer du selbst, indem du diejenige bist, die entscheidet, was gültig ist, von dem, was in dieser Welt und durch diese Welt zu dir kommt. Ein wichtiger Teil der Antworten auf all deine Fragen bist immer auch du selbst. Sei dir dessen bewusst! Es gibt einen Anfang und ein Ende. Aber das eine geht über ins andere – und umgekehrt. Es gibt den Tod und es gibt die Unendlichkeit. Das, was in dir ist – was in dir sein kann – ist nur ein weiterer Ausdruck dessen, was möglich ist. Sehr weit am Anfang stehen immer die Fragen, die jedoch nicht durch eindeutige Antworten aufgelöst werden können, sondern vielmehr durch die reine Achtung ihrer Existenz.", so antwortete der stimmhafte Teil des Universums, der die Zeichen der Weisheit bereits seit unvorstellbar langer Zeit weitergibt.

"Ich habe so viel Mühe, zu verstehen. Und ich weiß so wenig. Vieles ist mir nicht bewusst. Das Leben erscheint mir oft als ein großes, unlösbares Rätsel. Wenn es die Unendlichkeit gibt, was ist mein Zweck? Wenn alles endet, wozu dann überhaupt sein? Ich habe so viele wirre Gefühle und Gedanken in mir. Häufig widerspreche ich mir selbst. Ich misstraue mir selbst und anderen, sobald eine Sicherheit postuliert wird oder sich eine Argumentation als Gewissheit darstellt, durch die etwas angeblich gültig sein soll. Wir alle finden unsere ganz eigenen Gründe und sehen die Welt, so wie wir sie sehen wollen. Wie soll ich richtig von falsch unterscheiden, wenn alles so sein kann, wie es möglich ist? Also: Ich bin verwirrt. Wohin soll ich gehen? Was soll ich tun? Wie soll ich sein? Es ist alles so flüchtig. Eine Gewissheit kommt, eine andere geht. Es ist manches Mal beinahe unerträglich schwer, sich sicher zu sein.", entgegnete Asa mit zunehmender Unruhe im Geist.

"Sei. Sei du selbst und werde. Werde und lerne. Lerne von anderen. Lerne von dir selbst. Lehre andere dadurch, dass du bist, wie du bist – und so wiederum: sei! In dir. In anderen. Es gibt kein eindeutiges 'richtig' und kein eindeutiges 'falsch'; vielmehr gibt es warm und kalt, hell und dunkel. Und die Vermischung. Fließende Energien. Zusammenhänge. Auswirkungen. Vereinigung. Trennung. Es gibt so etwas wie ein 'Konzept der gebundenen Freiheit'. Auf deinem Planeten gibt es beispielsweise Wolken, Flüsse, Wälder, Berge, Gräben, Täler, Meere, Pole und viele weitere systematische Größen, die die Atmosphäre in einer wichtigen Balance von wechselhaften Beziehungen halten, woraus jene vielseitigen Formen des speziellen Lebens hervorgegangen sind und wiederum hervorgehen können. Es gibt die Gravitation, die das Leben an deinen Planeten bindet.

Und so, wie die Vielfältigkeit innerhalb der gebundenen Freiheit diese Formen des Lebens ermöglicht, so ermöglicht sie auch die Relativierung dessen, was sich in dir als 'richtig' und 'falsch' herauskristallisiert. Fest wird, was sich festigt. Und beweglich ist, was sich bewegt. Und doch: Es liegt in allem die Option der Veränderlichkeit. Das ist süßer Geschmack und bitterer Saft für euch gleichermaßen. In konzentrierter Form erstarrt vieles zu einer speziellen Relation von mehr und weniger. So gibt es eben auch als Folge dessen: zu viel und zu wenig. Die Tendenz ist ein mächtiger Sog. Und so, nur so kann es innerhalb der Grenzen der gebundenen Freiheit sein, dass alles, was lebt, bewegt wird und sich bewegt.", fuhr die Stimme mit immer durchdringender werdender Klarheit fort.

"Was fange ich jetzt an, mit dem, was du mich bis hierhin hast wissen lassen?", fragte Asa.

"Das fragst du noch?", widersprach ihr die innere Stimme, die längst zu einem allgegenwärtigen Teil der Atmosphäre dieses Augenblicks geworden war.

"Ja. Das frage ich dich. Ich kann ja nicht anders.", antwortete Asa.

"Das weiß ich. Aber: Ist es für dich nicht bereits einfach genug, um das folgende besser von dir aus zu erkennen?", fragte daraufhin die Stimme mit einem auffordernden Unterton im Klang. "Entscheide dich! Wieder und wieder und wieder... Du hast Entscheidungen zu treffen. Eigene, selbstständige Entscheidungen. Immer wieder. Neue. Erneut. Gleiche. Gleich. Andere. Anders. Triff deine Entscheidungen, so lange, bis du davon entbunden wirst."

"Wie werde ich davon entbunden?", wollte Asa wissen, gleichwohl im selben Moment darüber verärgert, dass sie nicht damit aufhören konnte, Fragen zu stellen.

"Das zeigt sich erst, wenn es soweit ist.", antwortete es.

Asa fragte, mit anhaltender Unruhe im Geist: "Wann ist es soweit?"

"Höre jetzt auf, weitere Fragen zu stellen. Verneige dich vor der Wahrhaftigkeit dieses Moments – und: lebe weiter.", entgegnete die Stimme mit eigenartiger Schwingung – unfassbar sanft jedoch spürbar bestimmt.

Asa öffnete die Augen. Sie verneigte sich. Drehte sich.
Asa war aufgeregt. Sie war es die ganze Zeit gewesen. Und doch breitete sich eine wohlige Wärme in ihrem Körper aus.
Ein Gefühl von innerer Stärke wuchs in ihr.
Asas Herz schlug schneller. Blut strömte durch sie hindurch.

Ihr Atem zirkulierte.

Sie war sich in diesem Moment mehr denn je dessen bewusst, dass sie lebte. Wie sie lebte. Warum sie lebte. Sie war sich im Klaren darüber, dass ihr Leben so überaus vieles beinhalten konnte. Sie wusste, dass dies ein enorm wichtiger Moment für sie war – denn es war der Moment, in dem Asa das erste Mal tief und wahrhaftig spürte, dass das rätselhafte Leben selbst ein bedeutender Teil des Sinnes ist, nach dem sie schon seit so langer Zeit suchte.

"Liebe ist Weisheit durch Güte zum Leben.", klang es in ihr nach.
Asas Mundwinkel bewegten sich nach oben.
Asa lächelte.
Sie lachte.
Zierliche Tränen ronnen ihre Wangen herunter.
Sie lachte und sie weinte.
Vor Glück.

Asa fühlte sich nun bereit, zu fliegen.

Sie hob ihren Kopf,
ging in die Knie

stieß ihren Körper vom Boden ab
und ließ sich fallen.

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